Gunter Damisch: “Makro Mikro”

Der 55-jährige Oberösterreicher und Wiener Akademie Professor hatte in der Albertina im Sommer 2013 seine große Retrospektive.

55-year old Upper-Austrian and professor of the academy of Fine Arts had his great retrospective in summer 2013 in the Albertina Museum Vienna. 

Collagen scheinen ein Trend in der derzeitigen Kunstszene zu sein. Auch zu Gunter Damisch’s technischen Oevre gehören sie. In der großen Albertina Retrospektive sind Ausschnitte aus Zeitungen und Holzschnitten in die großformatige Bildfläche eingebracht und übermalt. So wie wir als Kinder Masken hergestellt haben, sind sie mit Kleister übermalt.

Serielle Wiederholungen sind seit Warhol’s Zeiten in der Kunst nicht wegzudenken. So finden sich immer die gleichen Arten von Strukturen: wie Ameisen, Rippen aussehend, Profile von Reifen – oder: Mikroorganismen. Diese zeigen eine Art von Transparenz und finden sich in verschiedenen Farbkompositionen wieder. Interessant ist die unendliche Vielfalt von Abwandlungen, die Damisch in einem so begrenzten Rahmen herstellt: In der Betonung der Bildfläche (oben – unten), oder in Kontrasten, wie man sie von der alten Film-Fotografie her kennt (positiv-negativ). Makro-Mikro: der Titel verweist einerseits auf mikroskopartig kleine Strukturen, die der Mensch nicht mit bloßem Auge sehen kann, oder der makroartigen Vergrößerung von kleinen Motiven, die Fotografen künstlerisch und publizistisch erfahrbahr machen und in unsere Welt zurückholen.

Diese Ausstellung war bis 22. September in der Albertina zu sehen. Siehe: http://www.albertina.at

Alle Abbildungen (c) Gunter Damisch, Fotos: Günter König, Pressematerial von der Albertina Website

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Works in collages seem to be a trend in the current art world. They belong also to Gunter Damisch’s technical oevre. Into the large format canvas I see cuttings from newspapers and engravings, that are partly covered with paint. Like children, who create masks with glue, the canvases are repainted with paste.

One cannot dismiss seriality in the arts since Warhol. In Damisch’s collages, there are always the same kinds of structures, that look like ants, ribs, profiles of tyres, or microorganisms. They show a kind of transparency and reappear in different colour compositions. Interesting are the infinite varieties of modifications, that Damisch produces in such a confined frame: Emphazising the picture plane (above – under), or working with contrasts, similar to the positive-negative distinction when developing films in photography.

Makro Mikro: The title refers to microscopic small structures, that human beings cannot see with mere eyes, and, on the other hand, to macroscopic enlargements of small motivs, that photographers make comprehensible artistically and journalistically, and bring them into our world. One could interpret these abstractions in many aspects: Sociologically, geographically, geologically, mineralogically, to just name a few. To show the world in different aspects was always his aim: “Die Aufhebung der Eindeutigkeit ist mir wichtig, das Sowohl-als-auch, die Herstellung von Vieldeutigkeit”.

http://www.gunter-damisch.at

On view until 23rd of February also at Landesgalerie St. Pölten

Saul Leiter in der Hackel Bury Gallery / Saul Leiter at Hackel Bury Gallery

Nicht unschwer zu finden war die Information, dass Saul Leiter eine Ausstellung in der Londoner Galerie Hackel Bury hatte. Beim erstmaligen Besuch folgte dann aber die Enttäuschung, als an besagtem Ort nach längerem Weg von der Station High Street Kensington nur fünf Fotos von Saul Leiter zu sehen waren. Das Hauptaugenmerk der Galeristen lag dagegen auf seinen Malereien. Das ist verständlich, da Saul Leiter von seiner Ausbildung her aus der Malerei kam. Die Bilder sind abstrakt, und es finden sich nur Andeutungen von Figuren oder Landschaften.

Die Galerie Hackel Bury ist sehr klein, und liegt am äußerst pittoresken, mit Blumen beschmückten Launceston Place im reichen Stadtteil Knightsbridge/South Kensington. Hier leben eher luxuriöse und äußerst vermögende Londoner (erklärbar durch die Nähe zu Chelsea), die aber einen ausgeprägten Kunstsinn haben. Das Royal College of Art ist nicht weit entfernt, und gleichzeitig sind viele Kunstgewerbe wie Goldschmiede anzutreffen, denen man, falls warmes Wetter ist, bei offener Tür bei der Arbeit zuschauen kann. Die Architektur ist sehr oft in purem Weiß, und entstand im Zuge der Bebauung in der zweiten Hälfte des 19. Jh., nach der Errichtung des Kristallpalastes im Hyde Park.

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It was quite easy, to find the information about Saul Leiter’s exhibition at the London gallery Hackel Bury Fin.  Arriving there, I was disappointed. After a long walk from High Street Kensington I could see just five photos of Saul Leiter. In contrast, the art dealer’s main focus was on the paintings by Saul Leiter. To say reasonably, because Saul Leiter was painter by education. The paintings are abstract, and there are just hints of figures or landscapes to see.

The Hackel Bury Gallery is very small, and is situated on a very picturesque, with flowers decorated Launceston Place in the rich district Knightsbridge/South Kensington. Here, more luxurious and very wealthy Londoners are living (explainable through the closeness to Chelsea), who have a distinctive sense for art. The Royal College of Art is close by, and at the same time you find many arts and craft shops, like goldsmiths. When the weather is pleasant warm, you can observe them at their work while they’re having their door open. The architecture is often in pure white, and originates in the city developments of the second half of the 19th century, after the construction of the crystal palace in Hyde Park.

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Abb. oben: Stadtteil Knightsbridge/South Kensington. (c) Johannes Deutsch

Above: District Knightsbridge/South Kensington. (c) Johannes Deutsch

Abb. unten: Saul Leiter, New York , “Snow”, 1960 (li.) und “Canopy”, 1958 (re.). Die Ausstellung zeigte nur wenige Fotografien. Eine der berühmtesten Farbfotografien wie “Snow” war nicht zu sehen, aber umso mehr Wand gaben die Kuratoren Leiters Malerei. “Snow” ist wie alle anderen Fotografien als C-Print erhältlich, preislich beginnend bei 3700 Pfund. 

Below: Saul Leiter, “Snow”, New York 1960 (left), and “Canopy”, 1958 (right). The exhibition showed just a few photographs. The gallery didn’t show one of the most famous colour photographs like “Snow”, but instead they focused on Leiter’s paintings. “Snow” is like every other photographs for sale as C-print, starting with 3700 pounds. 

Die Ausstellung war bis 27. Juli 2013 zu sehen. / The exhibition was on view until 27 July 2013.

(c) Fotografien von Saul Leiter / Photographs by Saul Leiter: www.jacksonfineart.com

Galerie und Information / Gallery and information: www.hackelbury.co.uk

Kunstgeschichte als Pop-Romantik: Lichtenstein in der Tate

Die Ausstellung “Lichtenstein. A Retrospective” war von 21. Februar bis 27. Mai 2013 in der Tate Modern zu sehen.

Mit seinen Bendai dots, den fetten Outlines und Primärfarbflächen begründete Roy Lichtenstein die Pop Art, nachdem er eine Kehrtwende vom Abstrakten Expressionismus genommen hatte. Die Technik blieb großteils traditionell und war meistens Öl auf Leinwand. Er experimentierte aber auch mit Magma und Plexiglas, und versuchte sich als Objektkünstler. So sind in der Ausstellung auch Konstruktionen aus Messingstäben zu sehen, worauf Spiegel montiert sind, in die der Betrachter blicken kann.

Lichtenstein’s Bezug zur Kunstgeschichte ist vielfältig: So wie schon Monet, aber mit der ihm eigenen Technik, malte er die Kathedrale zu Rouen, und das mit verschieden farbigen dots, anstelle unterschiedlicher Lichtsituationen. Unter seinen banalen, auf die Massenmedien bezogenen Sujets, befindet sich auch ein Porträt von George Washington. Auch das Thema der “Femme d’Alger”, von Eugène Delacroix 1834 gemalt und von Picasso später wiederholt, hat Lichtenstein auf seine Weise interpretiert. Die Moderne beschäftigte ihn in Zeichnungen, die ähnlich wie die kristallinen Aufsplitterungen des Kubismus konstruiert sind. “Reflection” heißt ein anderes Bild: er zersplittert die Bildfläche in ungleiche Teile, wobei er nicht Zusammenhängendes in einem Bild vereint. Unter den zahlreichen kunsthistorischen Rückbezügen ist auch Laokoon zu entdecken, wie er gegen die Schlangen ankämpft.

Lichtenstein malte sein Künstlerstudio und betitelte es mit “Artist Studio – The Dance”. Es ist wörtlich zu verstehen: Nackte Frauen tanzen inmitten der Malerleinwände und führen ein bacchanales Leben. Im Ausstellungs-Narrativ führt das schließlich zum Selbstporträt. Lichtenstein besteht aus einem T-Shirt und einem Kopf, der ein viereckiges Raster ist. Faszinierend dabei ist, dass er kontinuierlich durch sein Oevre hindurch eine andere, alternative Kunstgeschichte zur Schau stellt. Eine langgestreckte Bildtafel mit dem Namen “Entablature” erinnert dabei an das letzte Abendmahl. Im Gegensatz dazu bleibt dieser Tisch minimalistisch leer. Viele der Bilder sind eher naive Witze auf dem “Kultur”-Niveau des Pop. Zum Ende der Ausstellung hin vereinfachen sich die Titel: Sozusagen gibt es wörtlich und bildlich nur mehr Unterschiede zwischen “Perfect” und “Imperfect Painting”.

Ein Gemälde trägt den Namen “Blue Nude”, obwohl sich knallbunte Farben gegenüberstehen und kontrastieren. Lichtenstein verwendet wie meistens sehr poppige Farben, und allein aus diesen ist keine Wertigkeit oder Hierarchie zu ersehen und zu entdecken, was gemeint ist, nämlich die “Blue Nude”. Diese nicht-hierarchische Malweise bezieht sich auf Piet Mondrian, und ist Schönbergs atonaler und serieller Musik ähnlich (nachzulesen in Yves-Alain Bois, Painting as Model, ‘The DeStijl Idea’, Cambridge, Mass. 1990).

Lichtenstein blieb, seltsamerweise, auch gegen Ende seines Lebens hin, der Romantik der 60er-Jahre treu. Nämlich, dass er Bilder, die er später 1995 malte, dennoch mit Gesichtern aus der Werbung der 60er ausstattete.

Roy Lichtenstein fotografiert von Thomas Hoepker, Magnum, 1982 in seinem Studio in New York Southampton

Thomas Hoepker Portfolio: http://www.magnumphotos.com/C.aspx?VP3=CMS3&VF=MAGO31_10_VForm&ERID=24KL5351FG

Parallelwelten

Seriellen Pharaonenbüsten setzte Isa Genzken eine Sonnenbrille auf, unddarunterwiederholt sich eine übermalte Mona Lisa: Isa Genzkenbei Hauser & Wirth in der Savile Row, London. Foto: (c) Alex Delfanne

Hauser und Wirth thematisiert die Prekariatssituation in der Kunstwelt

Das Auffälligste waren die Security Guards, sie haben ausgeschaut wie Kunstwissenschafts-Studenten, die kein Geld haben und sich ihr Brot mit Wachstunden verdienen müssen. Es ist eine ernstzunehmende Situation in der Kunstwelt – Stichwort unbezahlte Volontariate, Praktika in der Museen- und Galeriewelt. Immer wieder ist davon die Rede, wie hier auf arthistoricum.net. Es ist klar, dass die Politik dafür alleine nicht verantwortlich ist. Sie ja auch nur die Vertretung des Volkes, trägt aber die Verantwortung für den Rest der Gesellschaft. Die Politiker sitzen aber nicht für Unrecht im Parlament und werden entsprechend bezahlt. Entsprechende Gesetzesnovellen, um das System zu verbessern, fehlen. Ein Grundeinkommen wurde unlängst in der Schweiz als Volksabstimmung thematisiert. Es wäre interessant, darüber nachzudenken, in welchen europäischen Ländern oder der Welt davon die Rede ist.

Eine Welt der Ambiguitäten

Genzken’s Austellung in der Londoner Dependance von Hauser & Wirth zeigte Nerfetiti, eine populäre Pharaonin und Göttin. Die Arbeit bezieht sich inhaltlich auf die Berliner Kunstszene und auf die klassische Kunstgeschichte: Hier sind z. B. mehrere Kopien von Richard Avedon, ein Amor von Caravaggio oder eine serielle, wild übermalte Mona Lisa, wobei letztere unter die ebenfalls seriellen Pharaonenbüsten mit Sonnenbrille gestellt ist. Anzunehmen ist eine Anspielung auf touristische Monotonie: Jeder geht nach Ägypten oder in den Louvre, um sich das anzuschauen. Jeder macht Urlaub mit einer Sonnenbrille, während auf der Sinai-Halbinsel kriegsähnliche Zustände herrschen.

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Hauser and Wirth adresses the precarious situation in the art world The most poignant were the security guards: They looked like art students, who didn‘t have money and have to earn their bread as a guard. It’s a serious situation in the art world – note unpaid internships and placements in the world of museums and galleries. Again and again there is talk about this. Unfortunately the responsible polticians do nothing in this matter to improve the situation. Unlike most european countries, a general basic income for everyone has been discussed in Switzerland. The Swiss voted against it. Social inequality seems to be rising throughout Europe.
Critique is one of Lisa’s main art forms. She plays with ambiguities and absurdities. Genzken reached the peak of her career recently with a single exhibition in the Museum of Modern Art in New York.

A world of ambiguities Genzken‘s exhibition in the London dependance of Hauser & Wirth shows Nerfetiti, a popular pharaon and God. The subject of this work relates to the Berlin art scene and the classical art history: I. e. there are several reproductions of Richard Avedon, an armor of Caravaggio, or a serial produced, wildly over-painted Mona Lisa. The latter one is placed under the pharaon busts with sunglasses. Let’s assume and allusion on touristic monotony. Everyone goes to Egypt or into the Louvre to view this. Everyone goes on holiday with sunglasses, and at the same time the Sinai island is in a war-like state.

Photo on the left: Lisa Genzken and Kunsthalle Wien director Nicolaus Schaffhausen at the exhibition opening “I’m Isa Genzken, The Only Female Fool” © Kunsthalle Wien 2014, Foto: Andrea Fichtel

 

Here is a detailled biography of Isa Genzken.

Isa Genzken at Museum of Modern Art here

Isa Genzken at Kunsthalle Wien here