Kunstgeschichte als Pop-Romantik: Lichtenstein in der Tate

Die Ausstellung “Lichtenstein. A Retrospective” war von 21. Februar bis 27. Mai 2013 in der Tate Modern zu sehen.

Mit seinen Bendai dots, den fetten Outlines und Primärfarbflächen begründete Roy Lichtenstein die Pop Art, nachdem er eine Kehrtwende vom Abstrakten Expressionismus genommen hatte. Die Technik blieb großteils traditionell und war meistens Öl auf Leinwand. Er experimentierte aber auch mit Magma und Plexiglas, und versuchte sich als Objektkünstler. So sind in der Ausstellung auch Konstruktionen aus Messingstäben zu sehen, worauf Spiegel montiert sind, in die der Betrachter blicken kann.

Lichtenstein’s Bezug zur Kunstgeschichte ist vielfältig: So wie schon Monet, aber mit der ihm eigenen Technik, malte er die Kathedrale zu Rouen, und das mit verschieden farbigen dots, anstelle unterschiedlicher Lichtsituationen. Unter seinen banalen, auf die Massenmedien bezogenen Sujets, befindet sich auch ein Porträt von George Washington. Auch das Thema der “Femme d’Alger”, von Eugène Delacroix 1834 gemalt und von Picasso später wiederholt, hat Lichtenstein auf seine Weise interpretiert. Die Moderne beschäftigte ihn in Zeichnungen, die ähnlich wie die kristallinen Aufsplitterungen des Kubismus konstruiert sind. “Reflection” heißt ein anderes Bild: er zersplittert die Bildfläche in ungleiche Teile, wobei er nicht Zusammenhängendes in einem Bild vereint. Unter den zahlreichen kunsthistorischen Rückbezügen ist auch Laokoon zu entdecken, wie er gegen die Schlangen ankämpft.

Lichtenstein malte sein Künstlerstudio und betitelte es mit “Artist Studio – The Dance”. Es ist wörtlich zu verstehen: Nackte Frauen tanzen inmitten der Malerleinwände und führen ein bacchanales Leben. Im Ausstellungs-Narrativ führt das schließlich zum Selbstporträt. Lichtenstein besteht aus einem T-Shirt und einem Kopf, der ein viereckiges Raster ist. Faszinierend dabei ist, dass er kontinuierlich durch sein Oevre hindurch eine andere, alternative Kunstgeschichte zur Schau stellt. Eine langgestreckte Bildtafel mit dem Namen “Entablature” erinnert dabei an das letzte Abendmahl. Im Gegensatz dazu bleibt dieser Tisch minimalistisch leer. Viele der Bilder sind eher naive Witze auf dem “Kultur”-Niveau des Pop. Zum Ende der Ausstellung hin vereinfachen sich die Titel: Sozusagen gibt es wörtlich und bildlich nur mehr Unterschiede zwischen “Perfect” und “Imperfect Painting”.

Ein Gemälde trägt den Namen “Blue Nude”, obwohl sich knallbunte Farben gegenüberstehen und kontrastieren. Lichtenstein verwendet wie meistens sehr poppige Farben, und allein aus diesen ist keine Wertigkeit oder Hierarchie zu ersehen und zu entdecken, was gemeint ist, nämlich die “Blue Nude”. Diese nicht-hierarchische Malweise bezieht sich auf Piet Mondrian, und ist Schönbergs atonaler und serieller Musik ähnlich (nachzulesen in Yves-Alain Bois, Painting as Model, ‘The DeStijl Idea’, Cambridge, Mass. 1990).

Lichtenstein blieb, seltsamerweise, auch gegen Ende seines Lebens hin, der Romantik der 60er-Jahre treu. Nämlich, dass er Bilder, die er später 1995 malte, dennoch mit Gesichtern aus der Werbung der 60er ausstattete.

Roy Lichtenstein fotografiert von Thomas Hoepker, Magnum, 1982 in seinem Studio in New York Southampton

Thomas Hoepker Portfolio: http://www.magnumphotos.com/C.aspx?VP3=CMS3&VF=MAGO31_10_VForm&ERID=24KL5351FG

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