Wittgenstein: Fotografie als analytische Praxis

 

Ausstellung im Leopold-Museum

Die bis 27.3.2022 zu sehende Ausstellung über den bedeutenden Sprachphilosophen Ludwig Wittgenstein war die erste, die sich mit seiner Beschäftigung mit der Fotografie befasste. Allerdings wurde der Besucher beim Eintritt in die Ausstellung gleich überrascht, denn im ersten Raum hängen ringsherum eine Reihe von großformatigen Porträts, die aber ganz offensichtlich nicht von Wittgenstein sind. Hier finden sich ein paar Siebdrucke von Thomas Ruff und daneben gibt es auch kleinformatige Serien von Manfred Willmann und Gottfried Bechtold zu sehen. Letzterer zeigt eine Mona Lisa, die mit einer „Italian Woman (Student in Paris)“ verglichen wird. 

Auch Werke der deutschen Fotografin Katharina Sieverding zeigen die Ausstellungskuratoren Verena Gamper und Gregor Schmoll. Es sind sogenannte „Verflüssigungen“. Bei Sieverding, die ja für die Erweiterung der Ausdrucksmöglichkeiten des Mediums Fotografie bekannt ist, ist leider nicht ersichtlich, wie sie diese Arbeiten gemacht hat. Auf der Bildbeschreibung sind nur die Techniken „Farbfotografien, Acryl, Stahlrahmen“ zu lesen, aber eine genauere Beschreibung des technischen Vorgangs wäre sehr interessant gewesen. 

Im nächsten Raum stellt sich wieder die Frage: Wo ist Wittgenstein? Hat man die anderen Künstler vielleicht in einem Bezug zu ihm gesehen? Die „Beschäftigung mit dem Selbst“ könnte ein Titel des nächsten Raumes sein, denn dieser ist vielfachen Herangehensweisen ans Selbstporträt gewidmet, und es ist unglaublich, wie viele Künstlerinnen und Künstler da etwas machten: Timm Rautert, Peter Handke, Andy Warhol, Peter Weibel oder Friedl Kubelka als Vorgängerin der heutigen Selfies mit einem  Selbstporträt pro Tag?

Langsam kommt der Bezug zu Wittgenstein. Von ihm gibt es nur eine Fotoserie, in der er sich mit seinem eigenen Selbst beschäftigt hat, nämlich in einer Serie aus einem Fotoautomaten. Diese Geräte, die oft auch zur Anfertigung von Passbildern verwendet wurden, wurden ab 1927 weltweit in Kaufhäusern aufgestellt. In Wien gab es die ersten im Jahre 1928.

Automatenporträt von Ludwig Wittgenstein, um 1930
Silbergelatineabzug, zerschnittener Fotostreifen | 5,2 × 3,8 cm
Sammlung Mila Palm, Wien Foto: Sammlung Mila Palm, Wien

Nach zwei Räumen mit anderen Künstlern folgt dann ein eigener Raum über die Familie Wittgenstein mit einer Zeitleiste über Ludwig selbst. Die Zeit zwischen 1889 – 1926 wird hier behandelt, wobei die nächsten Räume dann darüber hinaus führen werden. Die Zeitleiste hat Bilder aus dem Kleinkind-Alter daneben . Die Kuratoren verweisen darauf, wie wichtig Fotografie, Kunst, Kultur und Musik in seiner Familie waren. Wittgensteins Vater beschäftigte gleich mehrere Fotografen, um das Leben der gesellschaftlich etablierten Familie festzuhalten. Ähnlich wie Ludwig erforschten auch sein Bruder und seine Schwester das Medium in verschiedenen Versuchen, und der Fotograf Moritz Nähr unterstützte sie dabei. 

Die Ausstellung zeigt die Bilder der verschiedenen Fotografen wie Johann Victor Krämer und Moritz Nähr, die die Anwesen der Wittgensteins und diese selbst porträtierten und mit ihnen zusammenarbeiteten. Es gab aber auch bedeutende Fotografinnen, die für die Familie Wittgenstein tätig waren: So etwa Pauline Kruger Hamilton, Madame D’Ora, Dora Kallmus oder Trude Fleischmann. Bei Nähr lernte auch die Nichte von Clara Wittgenstein, Lydia Oser. 

Wittgensteins eigenes Fotoalbum, das in einem Raum zu sehen ist, hat keine Struktur. Viele der Fotos sind beschnitten. Es ist eine Wanderung durch Porträts, Familienbilder, Architekturfotografien und Landschaftsaufnahmen. Es finden sich darin auch keine schriftlichen Erklärungen. Wittgenstein vertraut allein auf die Aussagekraft der Fotografien, und mischt diese scheinbar nach Gefühl. Auch als Sprachphilosoph zerschneidet Wittgenstein die Typoskripte und generiert danach Anmerkungen, die in verschiedenen möglichen Bezügen zueinander stehen. Dieser Vergleich lässt sich durch seine Gedanken in „Philosophische Untersuchungen“ (1945) über das Album konstruieren. Dem Fotoalbum Wittgenstein’s ist ein Projekt Boltanskis gegenübergestellt. Ausgehend von einem Familienbild-Archiv stellte er ein anderes seines Freundes zusammen, von dem er die eigentliche chronologische Reihenfolge der Aufnahmen und die Bezüge zwischen den Dargestellten nicht kannte, aber nur anhand der Bilder feststellte. Ein weiterer Vergleich, der in der Ausstellung gezeigt wird, ist Gerhard Richters „Atlas“-Projekt. Der Künstler stellte hier eine Sammlung von Fotografien, Zeitungsausschnitten und Skizzen auf losen Blättern zusammen.

Ludwig Wittgenstein, zugeschrieben Moritz Nähr
Fotoalbum von Ludwig Wittgenstein: Margarete Stonborough-Wittgenstein und Ludwig Wittgenstein, um 1931
Silbergelatineabzüge auf Papier |
Albumseite: 16 × 9,8 × 3 cm, Foto1: 7,8 × 6,1 cm, Foto 2: 4,7 × 3,8 cm
Wittgenstein Archive Cambridge
Foto: Leopold Museum, Wien/Manfred Thumberger

Francis Skinner und Ludwig Wittgenstein in einer Straße in Cambridge, rückseitig von Wittgenstein für Ludwig Hänsel beschrieben: „Dieses schöne Bild zeigt mich + einen Freund in einer Straße von Cambridge.“, 1935
“Walking Pictures”, Silbergelatineabzug | 7 × 8,9 cm
Wittgenstein Archive Cambridge
Foto: Leopold Museum, Wien/Manfred Thumberger

Christian Boltanski
1939–1964 Album de photos de la famille D., 1971 (Detail)
25 Fotocollagen mit 6 S/W-Fotografien | je 28 × 21 cm
MUSEUM MMK FÜR MODERNE KUNST Archiv Jean-Christophe Ammann
Foto: Museum MMK für Moderne Kunst/Axel Schneider, Frankfurt am Main © Bildrecht Wien, 2021

Die Ausstellung zeigt auch Bilder von Peter Hujar und Nan Goldin neben Porträts vieler weiterer Fotografen, thematisiert u. a. auch die Lügen der Fotografie und schließt mit der österreichischen Architektur-Fotografin Margherita Spiluttini in einem Raum mit Fragen über den Tod. Sie nimmt damit auf den Tod Wittgensteins Bezug. Das Totenbild von Wittgenstein, von seinem langjährigen Lebensgefährten Ben Richards aufgenommen, wurde länger vorbereitet. Wittgenstein hielt fest, wie es aussehen und gedruckt werden sollte. Mit dem Tod war Wittgenstein jedoch zeit seines Lebens konfrontiert. Seine drei älteren Brüder machten ihrem Leben selbst ein Ende, und auch Ludwig gestand einem Freund, dass er sich seit dem 13. Lebensjahr umbringen wollte, es aber nie zu Wege gebracht hatte. Auch im Ersten Weltkrieg wurde Wittgenstein mit dem Sterben konfrontiert, und er notierte in seinem Tagebuch im Mai 1916: „Der Tod gibt dem Leben erst seine Bedeutung“, und später auf der Rectoseite in Normalschrift: „Die Welt und das Leben sind Eins. […] Ethik und Aesthetik sind Eins.“

Spiluttini begleitete mit ihren Bildern ihren sterbenden Vater, und will damit ausloten, was in einer Fotografie noch darstellbar ist. Damit stellt sie die Frage nach der Ethik des Fotografen und seiner Verantwortung.


Review: Die Azteken / The Aztecs

Exhibition in the Linden-Museum Stuttgart, Weltmuseum Wien and Volkenkundemuseum Leiden

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Ausstellung im Linden-Museum Stuttgart, Weltmuseum Wien und Volkenkundemuseum Leiden

Die Spanier hatten das Ziel, alles zu zerstören. Ein kultureller Genozid, der auch fast gelang. Einige Objekte überlebten dennoch, und vieles lebte in den Köpfen der Menschen weiter, sodass es uns durch mündliche Überlieferung erhalten geblieben ist. 

Die Ausstellung im Weltmuseum Wien brachte dem Besucher Beträchtliches dieser Kultur durch vielseitige Präsentationen und Vermittlung nahe. So gab es etwa gleich am Anfang nach dem Eintritt in die Hallen des Weltmuseums eine große digitale Bildwand, auf deren Rückseite eine Zeittafel mit dem historischen Verlauf angebracht ist. Ringsherum gibt es verschiedene Objekte zu sehen.

Die Vernichtungen der Spanier überlebten nur rund 20 Bücher. Die, die überlebten, hatten das Glück, von den Spaniern als Kuriosität angesehen zu werden, und deshalb nach Europa transferiert zu werden. Man bedenke, dass zeitgleich im Europa des 16. Jh. die Wunderkammern entstanden, wo Herrscher wie Rudolf II. erstaunliche Objekte aus der ganzen Welt sammelten. In der frühen Kolonialzeit wurden aber weiterhin Bücher verfasst. Einer dieser Codices, wie diese Bücher auch genannt werden, ist in der Ausstellung zu sehen. Heute sind diese bedeutende Primärquellen über die indigene Kultur.

Leider sind aber keine Codices erhalten geblieben, die Informationen über die vorkoloniale Geschichte der Azteken liefern könnten. Dieses Problem betrifft auch die anderen indigenen Kulturen vor der Eroberung durch die Europäer. Vieles wurde während der spanischen Kolonialzeit verfasst, und ist mit christlichen Glaubenselementen vermischt. Historiker, die nun glauben, dass diese wahre Tatsachen berichten, werden nach vertiefendem Studium dieser Quellen enttäuscht, da sich diese als sehr zweifelhaft herausstellen.

Im zweiten Raum ist die Wand mit verschiedenen Erklärungen und Illustrationen zu einzelnen Nahrungsmitteln wie Mais, Agave, Chili, Jaguar etc. versehen, die anschaulich verdeutlichen, welche Bedeutung diese für die Azteken hatten. Dabei war der Mais (auf Nahuatl „centli“) für Mesoamerika fast das wichtigste Grundnahrungsmittel. Nach ihm richtete sich der Kalender und auch mehrere Gottheiten waren ihm zugeteilt.

Schon bei der Ankunft von Hernan Cortez waren er und seine Begleiter vom Wohlstand und dem Reichtum der Azteken sehr beeindruckt. Sie sahen, welche Vielfalt auf den Märkten der Indigenen angeboten wurde. Das hatte seinen Grund darin, dass hier mehrere ökologische Zonen beisammen lagen und dadurch die Menschen in der einen das wollten, was es in ihrer nicht gab aber in der anderen vorhanden war.

Die Spanier drangen nach ihrer Ankunft angeblich mit Hilfe eines Volkes, dass sich durch die hohen Tributzahlungen an die Azteken unterdrückt fühlte, schnell zur Hauptstadt des Aztekenreichs, Tenochtitlan, vor. Als die ersten Entdecker diese Stadt erblickten, zogen sie in den ersten Berichten Parallelen zu Venedig oder Sevilla. Die Einwohnerzahl war ähnlich wie in Venedig, das zu dieser Zeit eine der größten Städte Europas war. Tenochtitlan hatte 150.000 Einwohner, und im ganzen Hochtal lebten ca. 325.000 bis 350.000 Menschen. Die Stadt zeichnete sich durch eine hervorragende Stadtplanung aus, was an der Karte ersichtlich ist, die im Brief von Hernán Cortes an Kaiser Karl V. enthalten ist. Ähnlich dem römischen System mit Decumanus und Cardo wird die Stadt durch zwei Achsen in vier Viertel geteilt. An der Sonnenachse stand die Doppelpyramide des Templo Mayor als Mittelpunkt des nicht weltlichen Bereichs. 

Ausgrabungen von Manuel Gamio und Entdeckung des Templo Mayor im Jahr 1914 © Proyecto Templo Mayor, Foto: Anonym

Die Ausgrabungen von Eduardo Matos Moctezuma und die vollständige Freilegung des Templo Mayor im Jahr 1978  © Proyecto Templo Mayor, Foto: Anonym

Die zerstörerische Belagerung Tenochtitlans fand zwischen Mai und August 1521 statt. Die Stadt blieb aber auch unter den Spaniern Hauptstadt des Kolonialreichs, und wurde schließlich in Mexico-Stadt umbenannt. 

Die Azteken waren nur eine von vielen Kulturen, die in Lateinamerika vor der Ankunft der Spanier lebten. Sie stammten vom Volk der Mexica ab, wobei der Name Azteken sich vom mythischen Ursprungsort Aztlán herleitet. Im 13. Jahrhundert gründeten sie Tenochtitlan am Westufer des Texcoco-Sees beim Hügel Chapultepec. Sie entwickelten sich bald zur vorherrschenden Macht in Zentralmexiko, und regierten in einem Dreibund mit den angrenzenden Stadtstaaten Texcoco und Tlacopan.

Die Ausstellung ist kinderfreundlich aufbereitet, und gleichzeitig auch äußerst (ent-)spannend und lebendig für Erwachsene. Es gibt riesige Karten und Darstellungen an der Wand, es wird mit Projektionen gearbeitet, bei denen Skulpturen zu sehen sind, und es ist eine Metalltreppe aufgestellt, die eine Pyramide symbolisieren oder andeuten soll. Eine Statue wird im Dunkeln von Licht, wie durch Theaterscheinwerfer, plastisch hervorgehoben. Den Schlusspunkt der Ausstellung setzt ein Film, der auf einen runden Stein projiziert wird und die aztekische Geschichte von der Erschaffung der Welt erzählt.

Ausstellungsansichten: Die Ausstellung zeigt aztekische Skulpturen, die eindrucksvoll beleuchtet sind und den Besuch genießen lassen. Abb. unten: Ein Film zeigt die aztekisch-mythologische Geschichte der Erschaffung der Welt. Die erfrischende Präsentation in der Ausstellung hebt sich von anderen Kunst-Schauen in Wien ab. © Fotos: KHM-Museumsverband


Text in English

The Spanish conquistators’ aim was to destroy everything. A cultural genozide, which in itself was a success. Some objects survived nonetheless, and much continued to live in the heads of the people, and it is preserved until today through oral tradition.

The exhibition in the Weltmuseum Wien showed a considerable amount of knowledge through a great variety of presentations and communication methods. In example, right after the beginning there was a big digital picture wall, which had on its back a time table with the historic developments. The wall was surrounded by many Aztec objects.

Only about 20 books survived the destructions of the Spanish conquistators. The ones which survived had the luck to be seen by the Spanish as curiosities, and therefore be transferred to Europe. Think that at the same time in Europe the curiousity cabinets and chambers of wonder established itself. Emperors like Rudolf II collected wonderful items from the whole world. Though, in early colonial times, there would still be written books, and one of these codices, how these books are called, is to be seen in the exhibition. Today they are significant primary sources about the indigenous culture.

Unfortunately no codices remained, which tell us about the pre-colonial history of the Aztec culture. This problem is also significant for the other indigenous cultures which existed before the European conquest. Much was written during the Spanish colonial times, and is mixed up with elements of the christian faith. Historians, who belief that these are reporting true events and occurrences, will be disappointed by these sources, because they will become apparent as very dubious.

In the second room the wall has various explanations and illustrations to nourishments like corn, agave, chili, jaguar etc., which let the viewer understand, what meanings they had for the Aztecs. Besides this corn (in Nahuatl “centli”) was the most important basic nourishment for Mesoamerica. The calendar complied with it and several gods were assigned to it.

Already as Hernan Cortez arrived in Mexico he and his companions were very impressed by the wealth and richness of the Aztecs. They saw what great variety the markets of the indigenes had to offer. The reason of this was because in this area met several ecological zones, and so people in the one area wanted the things they didn’t have, but which were available in the other area.

It is said that the Spanish conquistadores got as far as Tenochtitlan with the help of a indigenous people, which felt discriminated by the high tribute payments for the Aztecs. As the first discoverers saw the town, they were impressed and compared it with cities like Venice or Sevilla. In fact, the number of inhabitants was similar to that of Venice at that time, which was one of the largest towns in Europe. Tenochtitlan had 150,000 inhabitants and in the whole valley there lived about 325,000 to 350,000 people. The city planning was remarkably, which can be seen at the map, which is preserved in the letter of Hernán Cortes to Emperor Charles V. Similar to the roman system with cardo and decumanus the city is divided by two axis into four quarters. The center of the non mundane area was the double pyramid of the Temple Mayor, which stood at the so called axis of the sun.

Between May and August 1521 the city was destructively besieged. Though Tenochtitlan also was under the regime of the Spaniards capital of the colonial empire, and finally they renamed it to Mexico City.

The Aztecs only were one among many cultures, which lived in Latin America before the arrival of the Spanish. They descended from the people of Mexica. The name “Aztecs” derives originally from the mythical word “Aztlán”. During the 13th century they founded Tenochtitlan on the western shores of the Texcoco lake at the hill Chapultepec. Soon they became the predominant power of central Mexico. They ruled together with the neighboring city states Texcoco and Tlacopan.

The exhibition is presented friendly towards children and it is at the same time very relaxing but also exciting for adults. There are large maps and designs on the walls. The curators installed projections, that throw lights onto sculptures, and visitors can view a metal stair, that symbolizes a pyramid. Spotlights enlighten statues very plastically in the darkness. Finally, when the visitor has wandered through the whole exhibition, there’s a film shown, projected onto a round stone, and shows the Aztec story of the origins of the world.

Winogrand, Hockney, Evans…: The Bartenbach Collection in Museum Ludwig, Cologne

In English and German

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Bis zum 6. Jänner 2019 ist in Köln eine Foto-Ausstellung zu sehen, die das Museum Ludwig anlässlich der großzügigen Schenkung der Familie Bartenbach organisierte. Unter dem Namen „Doing the Document“ ist die Ausstellung in verschiedene kleine Räume unterteilt, die sich den großen Fotografen der Sammlung Bartenbach widmen.

In diesem Artikel stelle ich die Künstler und ihre Werke in der Ausstellung kurz vor.

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On view until 6th of Janurary 2019 in Museum Ludwig in Cologne is the collection of the family Bartenbach. The exhibition is called “Doing the Document” and is shown in several small rooms, which all show the great photographers of the collection.

This article shall be a short introduction to the artists and the works of the exhibiton.

ML/Dep. 7662
Garry Winogrand
Centennial Ball, Metropolitan Museum, New York, 1969
Gelatinesilberpapier, 1973
© The Estate of Garry Winogrand, courtesy Fraenkel Gallery, San Francisco
Reproduktion: Rheinisches Bildarchiv Köln

Von Garry Winogrand gibt es Abzüge aus dem Jahr 1981 zu sehen. Die Ausstellung zeigt auch Bilder aus dem „Frauen sind schön“ Fotoprojekt. Die Fotos in diesem Buch weichen von seinen üblichen Kompositionen, die mit Weitwinkelobjektiv fotografiert sind und wo die Horizonte nicht gerade sind sowie ein klares Bildzentrum fehlt, ab. Die Bilder sind „gemachte Dokumente und damit bewusst gestaltete Bilder“, schreibt die Kuratorin Barbara Engelbach im Ausstellungskatalog.

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On view from Garry Winogrand are prints from the year 1981. The exhibition shows also pictures from the “Woman are beautiful” photo project. The photos in this book are different than his usual compositions, that are photographed with a wide-angle lens and where horizons are not straight and a clear picture centre is missing. The pictures are “made documents and therefore intentionally designed pictures” writes the curator Barbara Engelbach in the exhibition catalogue.


Von August Sander zeigt die Ausstellung nicht so bekannte Aufnahmen, nämlich auch Stadtansichten und Landschaftsaufnahmen. Die Abbildung unten ist eine „Studie zu einem Menschengesicht“.

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The exhibition shows not so famous photographs from August Sander like city and landscape views. The image below shows a “study for a human face”.

ML/Dep. 7626

Eine weitere singuläre Gruppe von Arbeiten sind die Trinkhallen von Tata Ronkholz aus den 70er und 80er Jahren. Beeinflusst von Bernd Becher, bei dem sie in Düsseldorf studierte, lichtete sie die verschiedensten Trinkhallen ab und bezeugt so ihre Vielfältigkeit. Diese waren im 19. Jh. für die Arbeiterschaft entstanden und baten anfangs Mineralwasser statt Alkohol an.

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A further singular group of works are Trinkhallen (convenience kiosks) by Tata Ronkholz from the 70s and 80s. Influenced by Bernd Becher, who was her teacher in Düsseldorf, she shot various Trinkhallen and shows how diverse the subject is. The kiosks were created in the 19th century for the workers and only sold mineral water instead of alcohol in the beginnings.

ML/Dep. 7588

Gabriele und Helmut Nothhelfer‘s ausdruckstarke Porträts von Menschen auf der Straße entstanden unter folgender Intention, wie sie erklären: „Noch unter dem Impuls der Studentenbewegung begannen wir 1973 in Berlin eine Dokumentation zur Entfremdung in der Freizeit. (…) Uns ging es darum zu zeigen, wie die autoritären Strukturen der Arbeitswelt die Freizeit durchdringen und dort als verkrustete Familienhierarchie, als Machtausübung in der Partnerschaft oder als Unfähigkeit zur Kommunikation in Mimik, Gestik und Aufmachung sichtbar werden.“

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Gabriele and Helmut Nothhelfer’s strong expressional portraits of people on the street were created with the following intention, as they explain:” Still under the impulse of the student movement, we began to document the alienation of leisure in Berlin, in 1973. … We wanted to show how the authoritarian structures of the world of work pervade out leisture, manifesting themselves as ossified familiy hierarchies, as the exercise of power in relationships, or5 as the inability to communicate in gestures, facial expressions, and dress.”

ML/Dep. 7516ML/Dep. 7519

Der für seine Pop-Art-Grafiken und -Malereien berühmte David Hockney war auch in der Fotografie sehr aktiv. Seine Bilder entstanden häufig nach Fotografien, und auch in den Abzügen der Ausstellung ist das Schwimmbad sein Thema. Der Pool wirkt auf den ausgestellten Werken schon ebenso magisch wie beispielsweise in seinem berühmten Werk „The Bigger Splash“.

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The pop-art graphic artist and painter David Hockney photographed lots of pictures. His paintings would often be made after photographs, and also in the photographs of the exhibition the swimming pool is his topic. The pool has a magical effect, similar to his work “The Bigger Splash” in example.

Hockney
David Hockney: John St. Claire Swimming, April 1972 aus der Serie “Twenty Photographic Pictures by David Hockney”, 1976 © David Hockney Foto: Richard Schmidt

Hugo und Karl Hugo Schmölz zeigen das zerstörte Köln vor und nach den Luftangriffen. Das Nachrichtenamt der Stadt Köln hatte die Schmölzs 1947 damit beauuftragt. Karl Hugo Schmölz war zu dieser Zeit bereits ein sehr gefragter Architekturfotograf.

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Hugo and Karl Hugo Schmölz show the destroyed Cologne before and after the bombardements. Cologne’s Nachrichtenamt (Public communications agency) had commissioned Karl Hugo Schmölz in 1947. He was already a highly sought-after architectural photographer.

ML/Dep. 7638
Karl Hugo Schmölz: Bahnhofsbuchhandlung, 1957 Gelatinesilberpapier © Archiv Wim Cox Reproduktion: Rheinisches Bildarchiv Köln

Wien-Museum: Exhibition about Otto Wagner and the Viennese Modernism

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Wien-Museum: Ausstellung über Otto Wagner und die Wiener Moderne

Die erste große Otto Wagner Schau im Wien-Museum seit 1963 bemüht sich um eine Korrektur des Bildes von Otto Wagner. Er gilt als einer der größten Jugendstilarchitekten. Die Kuratoren Andreas Nierhaus und Eva-Maria Orosz argumentierten jedoch, dass „dieser Begriff der Radikalität seiner Bauten und Brisanz seiner Themen nicht gerecht wird“. Des Weiteren zeigt diese Ausstellung auch, dass Otto Wagner zu sehr vielen Projekten und architektonischen Umgestaltungen seiner Zeit Entwürfe einreichte, aber oft abgelehnt wurde. Das Moderne hatte sich im Wien um 1900 noch nicht durchgesetzt. Wie wäre es, falls Wagner erfolgreich gewesen wäre? Z. B. würde das Technische Museum heute nicht in einem historischen Stil dastehen. Auch das Stadtmuseum am Karlsplatz wurde nicht nach seinem Entwurf gebaut.

Die Ausstellung zeigt die realisierten Projekte Otto Wagners und seine publizierten Schriften. Rund die Hälfte der entstandenen Bauten, so schätzt man, waren allerdings Miethäuser. Berühmt wurden aber andere: Die Stadtbahn, die Postsparkasse, die Häuser an der Wienzeile, die Kirche am Steinhof, die Wienfluss-Einwallung im Stadtpark. Einflussreiche Schriften Wagners waren „Die Baukunst unserer Zeit“, „Moderne Architektur“ und „Die Großstadt“. Er war auch Professor an der Akademie der Bildenden Künste und seine Moderne wurde bis an die Westküste der Vereinigten Staaten exportiert. Richard Neutra, Frank Lloyd Wright und Rudolf Schindler wurden von ihm beeinflusst. Umgekehrt bekam er wichtige Impulse von der jüngeren Generation.

Fotos, Pläne, Zeichnungen, Objekte wie Stuhl und Schrank aus seinen Wohnungen und Ateliers, Modelle, Banner, Dokumente, Bild- und Videoprojektionen befinden sich in den Räumen. Sogar seine Visitenkarten werden gezeigt. Wahrscheinlich zum ersten Mal, denn das professionelle Beziehungsnetzwerk Otto Wagners ist zu einem großen Teil noch gar nicht wissenschaftlich aufgearbeitet.

Otto Wagner – noch bis 7. Oktober 2018 im Wien Museum am Karlsplatz.

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Wien-Museum: Exhibition about Otto Wagner and the Viennese Modernism

The first great Otto Wagner exhibition since 1963 tries to correct the image of Otto Wagner. He is seen as the greatest architect of Viennese Art Nouveau. The curators Andreas Nierhaus and Eva-Maria Orosz argument, that “this term isn’t right to describe the radicality of his buildings and the brisance of his subjects.” Furthermore this exhibition shows, that Otto Wagner submitted sketches to many projects and architectural redesigns of his time, but was often rejected. The decision makers didn’t agree to his modernism in Vienna around 1900. How would it be today, if Wagner would have been successful? I. e. the Technical Museum would not have been built in a historical style. Also the city museum wasn’t built after his plans.

The exhibition shows the realized projects of Otto Wagner and his published writings. It is estimated that about half of his buildings were residential. Others became famous: the suburban railway, the postal savings bank, the buildings at Wienzeile, the church Am Steinhof, the embankment of the Wien river in the Stadtpark. Influential writings include “The Art of Building of Our Time”, “Modern Architecture” and “The Large Town”. He was also lecturer at the Academy of Fine Arts and his modernism was exported throughout the American west coast influencing Richard Neutra and Frank Lloyd Wright. Vice versa he got important impulses from the younger generation.

Photos, plans, drawings, documents, image- and video projections are in the rooms. Even his business cards are shown. Probably for the first time, because the professional network of Otto Wagner hasn’t been researched to a great extent.

See Otto Wagner at Wien Museums Karlsplatz until 7th October 2018, open from Tuesday to Sunday 10 am to 6 pm

Bruno Gironcoli im Mumok, Wien

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Bruno Gironcoli – sein Name ist am geläufigsten mit Skulpturen verbunden. Weniger bekannt ist aber, dass seine Tätigkeit als Bildhauer mit einer intensiven grafischen Produktion verbunden war. Diesem Fakt kommt die Ausstellung „In der Arbeit schüchtern bleiben“ im Museum moderner Kunst in Wien nach.

Der 1836 in Villach geborene und 2010 verstorbene Gironcoli war neben Maria Lassnig einer der wenigen Vertreter der von den internationalen Richtungen der Abstraktion der 60er beeinflussten Kunst in Österreich.

Die Skulpturen befinden sich in der Mitte der Räume, und sind so aufgestellt, dass die Grafiken an den Wänden dazu in Bezug gesetzt sind. Auffallend ist, dass Gironcoli äußerst viele Werke der Ausstellung mit Metallpulverfarbe schuf. Dazu kam dann meist noch Tusche. Der Effekt sind metallische Farben, und die Suggestion von etwas Kostbarem. Seine Vorliebe dafür kommt nicht von ungefähr – Gironcoli war gelernter Kupfer-, Silber- und Goldschmied. Banale Gegenstände, die er darstellt, werden so in höhere Sphären gehoben.

Die Bilder kann man verschiedentlich deuten – sie laden nach Bedeutungssuche ein. Außerdem scheinen die Blätter eine Geschichte zu zeigen, aber sie bleiben immer rätselhaft. Er zeigt die immer wieder kehrenden Versatzstücke, die er auch in seinen Skulpturen verwendet. Wiederholt kommen Affen vor, die NS-Flagge, der Davidstern, Sensen, Ähren und militärisches Gerät, elektrifizierte Toiletten u. v. m.

Bei einer Serie von Werken aus den 60er und 70er Jahren taucht ein zusammengekauerter Mensch in Rückenansicht immer wieder auf. Gironcoli nennt ihn Lehrling oder Robert, manchmal auch Murphy. Es ist dies eine Schaubühne, die er in immer neuen Variationen zeigt. Der Mensch ist „hineingefallen“ in eine Welt der „Dinge“, die er hier auch zeigt. Ebenfalls dazu gehören mumienhaft Bandagierte, Hunde und hockende Paviane.

Es gibt auch Werke mit düsteren Szenen, die religiösen Bezug haben, oder an eine maschinelle Folter oder futuristische Visionen denken lassen: Eine gespreizte Figur mutiert in einer Serie zu einer Maschine in der ein Fötus liegt.

Die Ausstellung zeigt auch die berühmte „Säule mit Totenkopf“. Bruno Gironcoli kam darauf, als er die Fehler bei der Herstellung von Gipsmodellen sah, und ihn diese zu einer Neubildung des menschlichen Körpers anregten. Allerdings sieht man vor allem eine Installation, die an eine Arbeitsfläche eines Zimmermanns erinnert, ein Sägebrett. Gegenüber in der Ausstellung befinden sich Arbeiten auf Papier, die ein gefesseltes und hineingespanntes Tier auf diesem Brett zeigen. Gironcoli wollte die Arbeit politisieren, und fügte ein Hakenkreuz hinzu. Das Werk wurde auf der Biennale in Sao Paolo gezeigt, aber Gironcoli war enttäuscht, dass es keinerlei Wirkung zeigte.

Im Unterschied zu den „Ready mades“ von Duchamp, der die Alltagsobjekte findet, sucht sie Gironcoli. „Er entscheidet sich für die ‚Entrückung aus der Wirklichkeit‘ der vorfindlichen Dingwelt“, schreibt Peter Gorsen über die Bildhauerei Gironcolis im Ausstellungskatalog.

Die Ausstellung wird auf zwei Etagen gezeigt, sie ist sehr sehenswert. Sie eröffnet einen anderen Blick auf einen der größten österreichischen Nachkriegskünstler und den Bildhauer Gironcoli.

Robert Doisneau. From Craft to Art

Exhibition in the Martin Gropius Bau, Berlin

Because of an event of the Berlinale the Martin Gropius house was strongly used. Nethertheless one could see the exhibition about the French photographer Robert Doisneau through the back door. It was arranged by Agnès Sire, the head of the Fondation Henri Cartier-Bresson in Paris. Doisneau and Cartier-Bresson were close friends during their life.

Doisneau’s education in the 20s was that of an engraver and lithographer. His first photographic shots were showing posters and paving stones, because he was too shy to photograph people. His shyness also hindered him later to photograph people closely. 1931 he became assistant of André Vigneau, came into contact with other artists and got to know the great masters of photography. The economic crises in France of these years finished this engagement, but in the end he found the post as an industrial photographer for Renault. Later he became member of the agency Rapho, and could sell his pictures to magazines such as the Vogue, Life, Paris Match and Le Point. His first monography was called “Le banlieue de Paris”. 1955 he was among the photographers who took part in Edward Steichen’s famous exhibition “The Family of Man” in the New Yorker Museum of Modern Art. The sixties were difficult years for him and for photography in general, because new photographers were coming to the market and the press got increasing competition from TV. Finally there was a boom with the founding of the “Rencontres Internationales de la Photographie d’Arles” in 1969 and its recognition of the auteur photography. Following were a range of retrospectives, publications and films about Doisneau’s oeuvre.

His photographs are distinguished through great empathy. At the beginning of the exhibition a Rolleiflex is shown. He preferably used it beside the Leica.

Among the 100 exhibited pictures is also the famous kiss of the lovers, and through it many discovered Doisneau. However, it was – as he admitted at the end of his life – staged. It is not so known, but shown in the exhibition, that it had been a series of kisses, which were published in Life magazine in 1950.

He photographically documented also the Second World War, i. e. the airraid alarm or barricades. Two women, who guide two children playing camouflage and covering themselves with branches and foliage, through the streets and laugh, show very poignant that humour was very important in his oevre. Though he also shows the hard life of these times, i. e. coal collecting children.

A further famous picture shows people holding themselves by their hands, and going in a long row in front of architecture. The vertical line of the houses is parallel to the left edge of the picture, but on the right side of the image it looks as if it had been taken crooked. Through this the image appeals to be spirited and the architectural background suites to the directional movement of the people.

In the exhibition one sees views of the city that lead to street photography. The cityscapes are from everywhere in France, and not only from Paris, from which Doisneau published a separate photo book.

Doisneau also shot portraits, favourably in series, i. e. the series of a butcher and an all over tattooed man. Exact information of persons and places distinguish his working method. With a documentary film about him the exhibition closes.

A catalogue wasn’t offered – apparently for financial reasons.

Der Martin Gropius Bau war durch eine Veranstaltung der Berlinale stark beansprucht. Nichtsdestotrotz konnte man durch den Hintereingang die Ausstellung über den französischen Fotografen Robert Doisneau besichtigen. Zusammengestellt wurde die Ausstellung von Agnès Sire, der Leiterin der Fondation Henri Cartier-Bresson in Paris. Doisneau und Cartier-Bresson waren Zeit ihres Lebens eng miteinander befreundet.

Doisneau machte in den 20er Jahren eine Ausbildung zum Graveur und Lithographen. Seine ersten fotografischen Aufnahmen waren Plakate und Pflastersteine, da er zu schüchtern war, um Menschen zu fotografieren. Seine Schüchternheit hat ihn auch später daran gehindert, Menschen nahe aufzunehmen. 1931 wurde Doisneau Assistent von André Vigneau, und kam dadurch mit anderen Künstlern in Kontakt bzw. lernte die großen Meister der Fotografie kennen. Die Wirtschaftskrise beendete dieses Engagement, aber er fand schließlich eine Stelle als Industriefotograf für Renault. Später wurde er Mitglied der Agentur Rapho, und konnte seine Bilder Zeitschriften wie der Vogue, Life, Paris Match und Le Point verkaufen. Seine erste Monographie hieß “La banlieue de Paris”. 1955 war er unter den Fotografen, die in der von Edward Steichen kuratierten und berühmten Ausstellung “The Family of Man” im New Yorker Museum of Modern Art zu sehen waren. Die 60er waren harte Jahre, da es an Aufträgen mangelte, und die Presse zunehmende Konkurrenz durch das Fernsehen bekam. Schließlich gab es einen Aufschwung mit der Gründung der “Rencontres Internationales de la Photographie d’Arles” 1969 und deren Anerkennung der Autorenfotografie. Es folgten zahlreiche Retrospektiven, Publikationen und auch Filme über Doisneaus Lebenswerk.

Seine Aufnahmen sind von großer Empathie gekennzeichnet. Am Anfang der Ausstellung wird eine Rolleiflex gezeigt, die er neben der Leica bevorzugt benützte.

Unter den 100 ausgestellten Bildern ist auch der berühmte Kuss des Liebespaares, jenes Foto, das Doisneau weltweit bekannt machte. Es war jedoch – wie er am Ende seines Lebens zugab – eine Pose. Was weniger bekannt ist, aber in der Ausstellung gezeigt wird, ist, dass es eine ganze Serie von Küssen war, die im Life Magazine 1950 veröffentlicht wurde.

Auch den Zweiten Weltkrieg dokumentierte er mit seinen Fotografien, so z. B. den Fliegeralarm oder Barrikaden. Zwei Frauen, die zwei Kinder Camouflage spielend, mit Laub und Ästen bedeckt im Wagen durch die Straßen führen und dabei lachen, zeigen sehr deutlich, dass Humor eines der größten Merkmale seiner Fotografie war.

Aber er zeigt auch das harte Leben dieser Zeit; etwa Kohle sammelnde Kinder.

Ein weiteres bekanntes Bild ist, wo Menschen sich an den Händen haltend in einer langen Reihe auf einer Böschung vor einer Häuserreihe entlanggehen. Die senkrechte Linie der Häuser ist parallel zum linken Bildrand, aber auf der rechten Bildseite sieht es aus, als wäre es schief aufgenommen. Dadurch wirkt das Bild schwungvoll und der architektonische Hintergrund passt zur Bewegungsrichtung der Menschenreihe.

Man stößt auf Städteansichten, die zur Straßenfotografie überleiten. Dabei befinden sich Städteansichten aus ganz Frankreich, und nicht nur aus Paris, über das es ein eigenes Fotobuch von ihm gibt.

Doisneau schoss auch Porträts, und arbeitete hier vorwiegend in Serien: z. B. die Fotoserien eines Metzgers und eines Ganzkörper-tätowierten Mannes. Genaue Personen- und Ortsangaben kennzeichnen seine Arbeitsmethode. Mit einem Dokumentarfilm über ihn wird die Ausstellung abgeschlossen.

Ein Katalog wurde offenbar aus Kostengründen nicht angeboten.

“Wege des Pointillismus”-Ausstellung in der Albertina

Am Beginn der Ausstellung zeigen die Kuratoren mit einer Gegenüberstellung von Pointillismus und Impressionismus deren Unterschiede. Es folgt ein Abschnitt, der Georges Seurat gewidmet ist. Darunter befinden sich Kreidezeichnungen, die Studien für “Un dimanche à la Grande Jatte” sind. Von den über 60 Skizzen sind hier einige wenige gezeigt. Auf dieses Bild, das eines der berühmtesten der Kunstgeschichte wurde, antwortete wiederum Paul Signac und setzte sich damit intensiv auseinander.

Signac beeinflusste viele andere Künstler für die Bewegung, aber der Erfinder des Pointillismus war Seurat. Er entwickelte 1883/84 das Verfahren des Pointillismus, das u. a. auf der Lehre Chevreuls basierte: Dabei trug er reine Farben in kurzen Strichen auf. Die entwickelten sich schließlich zu Folgen schematisch gesetzter Punkte in ungebrochener Farbe. Die Farben mischen sich daher erst im Auge des Betrachters. Seurat selbst nannte das Verfahren “divisionisme”. Auch der Begriff Neoimpressionismus wurde gewählt, um diese Kunstrichtung zu beschreiben. Die erste Ausstellung eines pointillistischen Gemäldes erfolgte 1884.

Vorwort im Ausstellungskatalog der Albertina:

“Punkte in reiner Farbe, die die Pointillisten dem Prinzip der optischen Farbmischung folgend eng nebeneinandersetzten, generierten eine bis dahin ungekannte Leuchtkraft und eine Vielzahl an Farbimpulsen. Damit wich die realistische Sicht auf die Welt der Darstellung einer synthetischen Wirklichkeit. Der ersten Generation der Pointillisten ging es in ihrer Bildwelt vor allem darum, abstrakte Begrifflichkeiten zum Ausdruck zu bringen.”

Die Bilder waren geprägt durch Flächigkeit und Stilisierung, sowie durch die Bewegungs- und Teilnahmslosigkeit der dargestellten Figuren. Ihre Bilder wurden damit jedoch als “leblos” kritisiert.

Mit dem Tod Seurats kehrten viele dem Pointillismus wieder den Rücken. Seurat starb zu früh, um alles zu verwirklichen, was sich in seinem Schaffen als grundlegend für die Malerei am Ausgang des 19. Jh. ankündigte. Neben Cezanne war er derjenige, der andere Künstler maßgeblich beeinflusste.

Der Pointillismus lebte nur durch Signac weiter. Henri Edmond Cross und Paul Signac hatten eine Phase, wo sie in “wurmähnlichen” Linien malten. Das war wieder für Matisse interessant, der durch die beiden beeinflusst wurde. Er dynamisierte seine Farbpunkte und trieb diese in Richtung der Wachstumslinien der Bäume voran. Matisse interessierten nicht die Prinzipien der optischen Mischung, sondern die Zusammenklänge der Farben bei vergleichsweise großen Punktflächen. Damit bereitete Signac auch den Boden für Matisse’s Fabfleckenmalerei vor.

signac-leuchtturm-in-portrieux-opus-183
Signac, Leuchtturm in Portrieux. Opus 183. Er versah seine Bilder mit dem Titel Opus, und wollte dadurch die Nähe der pointillistischen Malerei zur Musik verdeutlichen. Das Werk ist ein idealtypischer Hafen, obwohl die Segelboote wie in einer Fotografie durch den Rand abgeschnitten sind.

Van Gogh war ein Mittler für Matisse’s Suche nach einer anderen Richtung, wobei ersterer nur für kurze Zeit in Punkten malte, denn seinem Temperament war dies zuwider. Er lernte von Signac den kurzen, festen Pinselstrich und die Verwendung reiner Farben. Von der Begegnung mit Seurat war er jedoch nachhaltiger beeindruckt, was in seinen Schriften ersichtlich ist. Im “Nachtcafé” drückt die Farbe die Emotion eines brennenden Temperaments aus, und hat nichts mehr mit dem realistischen Anblick eines “trompe l’oeil” zu tun.

Die Ausstellung ist von 16.9.2016 bis 8.1.2017 in der Albertina in Wien zu sehen.

Eva Leitolf: Postcards from Europe

Ausstellung im Kunsthaus Wien, November 2015

Der die Ausstellung begleitende Überblickstext gibt Auskunft, dass Eva Leitolf “… Konflikte dokumentierte, an denen sich das Thema Migration in Konflikten auf individueller und gesellschaftlicher Ebene manifestiert.”

Ähnlich wie schon bei “Deutsche Bilder – eine Spurensuche 1992-2008” sucht Eva Leitolf Orte an den Außengrenzen und innerhalb der EU auf, wo einmal ein Unglück passiert ist, und fotografiert diese. Die Bilder bestehen aus einer Leere: Man sieht keine Menschen, die etwas tun.

Z. B. Szeged: Ein leerer, verlassener Bahnhof und nur Schatten und Licht, Einödnis, Unkraut, das wuchert, Pflanzen, die aus Spalten im Beton herauswachsen.

Lampedusa ist bei ihr ein Blick auf ein ruhendes Meer. Sonst ist wenig zu sehen. (Dies im Gegensatz zu Pressebildern, wo meistens sehr viel passiert). Es ist nicht erkenntlich, dass es sich um Lampedusa handelt, denn der Ort könnte auch genausogut ein anderer, beliebiger, am Mittelmeer sein.

Erst beim Lesen der dazugehörigen Begleittexte, die auf mitnehmbaren Kärtchen gedruckt sind, wird erkenntlich, weshalb Eva Leitolf die Orte fotografiert hat.
Auf einem der Bilder, das den Strand von Tarifa in Spanien zeigt, ist eine durch den Sturm zerissene Coca-Cola Fahne zu sehen. Sie deutet auf die Stürme hin, die hier wüten. Tatsächlich war hier während eines Sturmes einmal ein schwerer Unfall, und 23 Einwanderer sanken im Boot.

Diese Flüchtlingsdramen an den jeweiligen Orten, die Eva Leitolf besuchte, recherchierte sie vorher in zugänglichen Zeitungen, Polizeiakten, oder durch Befragungen von Flüchtlingen und Hilfsorganisationen.

Playa de Los Lances, Tarifa, Spanien 2009
Playa de Los Lances, Tarifa, Spanien 2009

Die Vorkommnisse “lassen sich nicht in einem Foto oder einer Reportage fassen”, sagt Eva Leitoff in einem YouTube Video auf ihrer Website. Die Bedeutung des Bildes als Leerstelle, als leerer Raum oder Bühne sei ein ganz wichtiger Aspekt ihrer Arbeit. Damit entfalte sich die Geschichte erst im Kopf des Betrachters (mehr erklärt Leitolf auf http://www.evaleitolf.de/interviews.html).

Es gibt aber auch viele Bilder, die keine Spuren von früheren Ereignissen zeigen, da diese schon lange vorbei waren. In einer Welt, die überladen von Bildmedien ist, überlässt sie damit  dem Betrachter eine Möglichkeit zur Reflektion (ein Interview mit Leitolf findet sich auf http://www.landscapestories.net/interviews/eva-leitolf?lang=en).

Gunter Damisch: “Makro Mikro”

Der 55-jährige Oberösterreicher und Wiener Akademie Professor hatte in der Albertina im Sommer 2013 seine große Retrospektive.

55-year old Upper-Austrian and professor of the academy of Fine Arts had his great retrospective in summer 2013 in the Albertina Museum Vienna. 

Collagen scheinen ein Trend in der derzeitigen Kunstszene zu sein. Auch zu Gunter Damisch’s technischen Oevre gehören sie. In der großen Albertina Retrospektive sind Ausschnitte aus Zeitungen und Holzschnitten in die großformatige Bildfläche eingebracht und übermalt. So wie wir als Kinder Masken hergestellt haben, sind sie mit Kleister übermalt.

Serielle Wiederholungen sind seit Warhol’s Zeiten in der Kunst nicht wegzudenken. So finden sich immer die gleichen Arten von Strukturen: wie Ameisen, Rippen aussehend, Profile von Reifen – oder: Mikroorganismen. Diese zeigen eine Art von Transparenz und finden sich in verschiedenen Farbkompositionen wieder. Interessant ist die unendliche Vielfalt von Abwandlungen, die Damisch in einem so begrenzten Rahmen herstellt: In der Betonung der Bildfläche (oben – unten), oder in Kontrasten, wie man sie von der alten Film-Fotografie her kennt (positiv-negativ). Makro-Mikro: der Titel verweist einerseits auf mikroskopartig kleine Strukturen, die der Mensch nicht mit bloßem Auge sehen kann, oder der makroartigen Vergrößerung von kleinen Motiven, die Fotografen künstlerisch und publizistisch erfahrbahr machen und in unsere Welt zurückholen.

Diese Ausstellung war bis 22. September in der Albertina zu sehen. Siehe: http://www.albertina.at

Alle Abbildungen (c) Gunter Damisch, Fotos: Günter König, Pressematerial von der Albertina Website

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Works in collages seem to be a trend in the current art world. They belong also to Gunter Damisch’s technical oevre. Into the large format canvas I see cuttings from newspapers and engravings, that are partly covered with paint. Like children, who create masks with glue, the canvases are repainted with paste.

One cannot dismiss seriality in the arts since Warhol. In Damisch’s collages, there are always the same kinds of structures, that look like ants, ribs, profiles of tyres, or microorganisms. They show a kind of transparency and reappear in different colour compositions. Interesting are the infinite varieties of modifications, that Damisch produces in such a confined frame: Emphazising the picture plane (above – under), or working with contrasts, similar to the positive-negative distinction when developing films in photography.

Makro Mikro: The title refers to microscopic small structures, that human beings cannot see with mere eyes, and, on the other hand, to macroscopic enlargements of small motivs, that photographers make comprehensible artistically and journalistically, and bring them into our world. One could interpret these abstractions in many aspects: Sociologically, geographically, geologically, mineralogically, to just name a few. To show the world in different aspects was always his aim: “Die Aufhebung der Eindeutigkeit ist mir wichtig, das Sowohl-als-auch, die Herstellung von Vieldeutigkeit”.

http://www.gunter-damisch.at

On view until 23rd of February also at Landesgalerie St. Pölten

Saul Leiter in der Hackel Bury Gallery / Saul Leiter at Hackel Bury Gallery

Nicht unschwer zu finden war die Information, dass Saul Leiter eine Ausstellung in der Londoner Galerie Hackel Bury hatte. Beim erstmaligen Besuch folgte dann aber die Enttäuschung, als an besagtem Ort nach längerem Weg von der Station High Street Kensington nur fünf Fotos von Saul Leiter zu sehen waren. Das Hauptaugenmerk der Galeristen lag dagegen auf seinen Malereien. Das ist verständlich, da Saul Leiter von seiner Ausbildung her aus der Malerei kam. Die Bilder sind abstrakt, und es finden sich nur Andeutungen von Figuren oder Landschaften.

Die Galerie Hackel Bury ist sehr klein, und liegt am äußerst pittoresken, mit Blumen beschmückten Launceston Place im reichen Stadtteil Knightsbridge/South Kensington. Hier leben eher luxuriöse und äußerst vermögende Londoner (erklärbar durch die Nähe zu Chelsea), die aber einen ausgeprägten Kunstsinn haben. Das Royal College of Art ist nicht weit entfernt, und gleichzeitig sind viele Kunstgewerbe wie Goldschmiede anzutreffen, denen man, falls warmes Wetter ist, bei offener Tür bei der Arbeit zuschauen kann. Die Architektur ist sehr oft in purem Weiß, und entstand im Zuge der Bebauung in der zweiten Hälfte des 19. Jh. nach der Errichtung des Kristallpalastes im Hyde Park.

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It was quite easy, to find the information about Saul Leiter’s exhibition at the London gallery Hackel Bury Fin.  Arriving there, I was disappointed. After a long walk from High Street Kensington I could see just five photos of Saul Leiter. In contrast, the art dealer’s main focus was on the paintings by Saul Leiter. To say reasonably, because Saul Leiter was painter by education. The paintings are abstract, and there are just hints of figures or landscapes to see.

The Hackel Bury Gallery is very small, and is situated on a very picturesque, with flowers decorated Launceston Place in the rich district Knightsbridge/South Kensington. Here, more luxurious and very wealthy Londoners are living (explainable through the closeness to Chelsea), who have a distinctive sense for art. The Royal College of Art is close by, and at the same time you find many arts and craft shops, like goldsmiths. When the weather is pleasant warm, you can observe them at their work while they’re having their door open. The architecture is often in pure white, and originates in the city developments of the second half of the 19th century, after the construction of the crystal palace in Hyde Park.

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Abb. oben: Stadtteil Knightsbridge/South Kensington. (c) Johannes Deutsch

Above: District Knightsbridge/South Kensington. (c) Johannes Deutsch

Abb. unten: Saul Leiter, New York , “Snow”, 1960 (li.) und “Canopy”, 1958 (re.). Die Ausstellung zeigte nur wenige Fotografien. Eine der berühmtesten Farbfotografien wie “Snow” war nicht zu sehen, aber umso mehr Wand gaben die Kuratoren Leiters Malerei. “Snow” ist wie alle anderen Fotografien als C-Print erhältlich, preislich beginnend bei 3700 Pfund. 

Below: Saul Leiter, “Snow”, New York 1960 (left), and “Canopy”, 1958 (right). The exhibition showed just a few photographs. The gallery didn’t show one of the most famous colour photographs like “Snow”, but instead they focused on Leiter’s paintings. “Snow” is like every other photographs for sale as C-print, starting with 3700 pounds. 

Die Ausstellung war bis 27. Juli 2013 zu sehen. / The exhibition was on view until 27 July 2013.

(c) Fotografien von Saul Leiter / Photographs by Saul Leiter: www.jacksonfineart.com

Galerie und Information / Gallery and information: www.hackelbury.co.uk